
Projekt zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit – Kunstwege im Roya-Tal – Eröffnung am 26.05.2023

Die deutsche Künstlerin Dörte Meyer produziert raumbezogene Werke und Multimediaprojekte. Ihre aktuelle Arbeit befasst sich mit digitalen Designwerkzeugen und deren ästhetischen Auswirkungen auf unsere sinnliche Wahrnehmung.
Die Künstlerin graviert an drei bis fünf verschiedenen Stellen entlang des Flusses Roya Piktogramme in Felsen. Die Technik der Gravur ist inspiriert von den historischen Felsgravuren auf dem Mont Bego im Tal der Wunder.
Sie wählt für ihre Arbeit eine archaische Form der Darstellung, die das Potential hat für sehr lange Zeit zu überdauern. Gleichzeitig ist die Arbeit von Anfang an dem Verfall ausgesetzt und die Zeit wird zeigen, wie lange sie wirklich sichtbar bleibt. Die Künstlerin betrachtet diesen Prozess als Teil des Werks.
Die entlang des Flusses verteilten Piktogramme vermitteln lokale Ereignisse und Geschichten des Tals in essentieller Formsprache. Sie erscheinen nicht an dem Ort, mit dem Ereignis oder Geschichte unmittelbar verknüpft sind, sondern an einem neuen Ort und repräsentieren so das ganze Tal.
Piktogramme, die beispielsweise für Weg-Leitsysteme, Straßen- oder Warnschilder und vieles mehr entwickelt werden, bilden die moderne Form der auf eine Essenz reduzierten visuellen Kommunikation über Bilder. Dörte Meyer greift diese bildhafte Essenz auf und schafft im Dialog mit künstlicher Intelligenz neue und abgewandelte Piktogramme, in denen sich die aktuellen Ereignisse des Tals spiegeln. (Pressetext)
https://villa-arson.fr/international/perspectives-prospettive/
2017
Videostream, aus dem Ahrenshooper Holz, in dem vermutlich der Maler Alfred Partikel (*1888) am 20.Oktober 1945 spurlos verschwand.
Für Alfred Partikel als Landschaftsmaler war die Wahl des Ortes, wo er lebte, von großer Bedeutung. Die Flucht in Landschaften und ihre Details während der Ereignisse seiner Zeit, dem Faschismus und dem zweiten Weltkrieg, war schicksalshaft[1] und ebnete vielleicht sogar den Weg für sein Verschwinden im Wald.
Sehr geehrter Herr Dr. Passarge,
Mein Vater, der am 20.Okt. in den Wald zum Pilzesammeln gegangen ist, ist nicht wiedergekommen… Mutter hat mit Freunden und Leuten aus dem Dorf, den kleinen am Darß gelegenen Wald abgesucht. Eine Durchkämmung des Waldes durch das ganze Dorf wurde von den Russen verboten. – Sie haben nichts gefunden. – (…) (Barbara Partikel im November 1945)
In Ahrenshoop nach dem Krieg stationierte sowjetische Soldaten hatten Hunger und gingen jagen. Alfred Partikel hatte Appetit auf Pilze. Gemeinsam diente ihnen der Wald als Ressource, alle wollten möglicherweise zur selben Zeit etwas aus ihm herausholen.
Alfred Partikel hörte in Folge einer Kriegsverletzung schlecht. Das Ahrenshooper Holz ist jedoch voller subtiler Geräusche. Am lautesten sind die eigenen Schritte im raschelnden Buchenlaub. Die Schwerhörigkeit lässt die Wahrnehmung zerfallen. Das, was die Augen sehen, tritt in den Vordergrund; der akustische Raum verengt sich.
Der Wald ist ein wildes Gebilde, ein Mikrokosmos, in dem Wirklichkeit und Vorstellung sich begegnen. Die Arbeit inszeniert den Wald als Sehnsuchtsort und Idylle, als Drohkulisse, als Versteck, als geheimnisvollen, magischen, mystischen und ambivalenten Ort. Was sich der Kontrolle entzieht, verbirgt sich im Wald.
In einer Großstadt werden die meisten öffentlichen Plätze heute routinemäßig überwacht. Es hängt ab vom Blickfeld, von der Kadrierung, vom Zufall, was vor die Linsen gerät. Die Zeit kann man damit gewissermaßen zurückspulen, Ereignisse und Verbrechen lassen sich rekonstruieren, wenn man den Schlüssel zu ihrer Interpretation besitzt.
Die Wildnis ist der Gegenentwurf. Wir stoßen vor in das Waldinnere, an einen entrückten Ort. Auch hier gibt es Kameras, in Bereichen, in die der Mensch nicht vordringen kann oder sollte. Die Wildschweine sind unsichtbar unter dem fast zwei Meter hohen Farn, man riecht sie nur. Wildkameras liefern Einblicke in diese verborgenen Orte. Indem sie hierhin eine optische Brücke bilden, erzeugen sie die Anmutung eines unberührten Tatortes.
Der Wald ist undurchdringlich und unüberschaubar, er ist Naturschutzgebiet. Betreten, abseits des einzigen Weges, ist verboten. Seltsame, bereits im Realen surreal anmutende Orte im Wald werden in Szene gesetzt.
Fiktive Spuren durchwirken den realen Raum und verwischen die Grenzen.
Auf der Tonebene werden diese Aufnahmen mit fiktiven Ereignissen angereichert, die den Ort in seiner Vielschichtigkeit auffächern. Atmosphärische Geräusche aus dem Wald rahmen das Geschehen. Die Töne, die Alfred Partikel schlecht hören konnte, verweben sich zu einem Hintergrund, vor dem alle Ereignisse, reale und fiktive, gleichbedeutend nebeneinander stehen. Durch die Überlagerung von Fiktion und Realität auf der Bild- und Tonebene wird eine orts-und zeitbezogene Narration generiert, die den Ort des Verschwindens von Alfred Partikel in den Fokus rückt und in mehreren Dimensionen wirken lässt.
[1] Gerckens M.A., Rainer: Alfred Partikel, Leben und Werk, Dissertation, Universität Hamburg 1990, S.75ff (4.3. Fluchtraum Landschaft)
* Titel nach dem Gemälde Waldinneres von Alfred Partikel, um 1936, 160,2×116 cm, Kunstmuseum Ahrenshoop






2002
in Zusammenarbeit mit Michael Stauffer, Schriftsteller
Kuratiert und gestaltet von Škart (Dragan Protic und Djordje Balmazovic)
Buchbox – Edition Solitude 2002, Auflage: 300
Erschienen auf deutsch und serbisch, übersetzt auf polnisch und italienisch.
memory – Buchbox, bestehend aus 50 beidseitig bedruckten, teils über eine Perforation miteinander verbunden Karten.









2012
Videoloop 4:50 Min., Drehort: Neues Kurhaus Ahrenshoop
Videoprojektion und Raummodell, in Zusammenarbeit mit Gert Bendel
* Titel nach: Rooms by the Sea, Gemälde von Edward Hopper, 1951



1891 wurde in Ahrenshoop das erste Kurhaus gebaut. Ein moderneres Gebäude ersetze das erste Kurhaus 1968. 2008 wurde das inzwischen gealterte Kurhaus wiederum abgerissen, um einem Hotelneubau Platz zu machen, dem Grand Hotel Kurhaus Moderne.



2005
Videoloop 1:30 Min.
Wandfüllende Projektion eines schwankenden Raumes: Der Horizont bleibt dabei in der Waagerechten.





1996
Videoprojektion, 30 Min.
Das Weinhaus Huth war eines der zwei am Potsdamer Platz noch stehenden Gebäude aus der Vorkriegszeit. Es war zum Zeitpunkt der Ausstellung umgeben von Kränen, Gruben, Holzbrücken und Grundwasserseen, in denen die Fundamente für neue Gebäude angelegt wurden. Es sind temporäre Elemente, die die Berliner Stadtlandschaft an dieser Stelle prägten; sie formen eine Art Landschaft in der Landschaft, eine Überlagerung zweier oder sogar mehrerer Stadtbilder; mehrerer Orte an einem Ort, z.B. einer Hafenstadt Berlin im Zentrum Berlins.
Man überquerte eine mit Grundwasser gefüllte Baugrube über einen Steg mit Geländer, um zum Eingang des Gebäudes zu gelangen. Das Fenster am Ende des Ausstellungsraumes öffneten sich auf eines von mehreren Grundwasserbecken neben dem Weinhaus Huth. Das Innenfenster stand offen, dahinter war eine Projektionsleinwand verspannt. Hier wurde, eingepasst in den Fensterrahmen, ein Video projiziert, das den Blick auf einen Hafen zeigte. Ohne Schnitte oder Kamerabewegungen und in Realzeit war eine Hafensituation zu beobachten: Passagierschiffe, Segelboote, Dampfer, kleine Ruderboote fahren vorbei oder ankern, zwischendurch gibt es lange Pausen, in denen fast nichts passiert. Der Ton des Videos besteht aus wenigen isolierten Geräuschen, wie z.B. Schiffstuten oder Möwenschreie, die sich mit den von außen hereindringenden Baustellengeräuschen überlagern.
Die Ausstellung belegte eine komplette Etage des Gebäudes. Die Fenster der restlichen Ausstellungsräume ermöglichten den Blick nach außen auf die reale Baustelle mit den Wasserbecken.



2000
Videoinstallation: Kartons, Kisten, Mappen, Papprollen, usw.; 3-4 Videoprojektoren, 4 Videoloops, S-VHS, b/w, je 30 Min., Maße: ca. 230x130x70 cm
In einer Ecke stehen Reste von anderen Arbeiten, Mappen, Kisten, usw., dazwischen Papprollen und Kartons. In der geöffneten Seite oder im Deckel sind Bilder zu sehen: Hände wischen die Öffnungen frei und drücken gegen die Deckel. Die Tapes werden von innen, als Rückprojektionen, auf die Deckel projiziert.










1996-2000
Leuchtkasten mit Fotogrammen, Größe variabel, Archiv von Fundstücken, Mikroskopaufnahmen
In einem Zeitraum von eineinhalb Jahren ist die Sammlung von angeschwemmten Fundstücken entstanden. Insgesamt handelt es sich um etwa 150 Gegenstände, auf deren Oberfläche das Meer mehr oder weniger deutlich, manchmal auch für das Auge kaum sichtbar, seine Spuren hinterlassen hat.
Alle Dinge sind in einer (Ver-) Wandlung begriffen, in einigen Fällen ist diese Transformation sehr weit fortgeschritten. In der deutlich sichtbaren Verbindung von Gegenstand und Meeresablagerungen manifestiert sich eine Form von Symbiose. Der “Eindringling” wird integriert, er assimiliert sich an seine Umgebung.
In einer ersten Phase werden die Objekte archiviert: Ihr Fundort wird fotografiert, sie erhalten fortlaufende Nummern und werden in einer Liste erfasst, die Datum, Fundort, eine kurze Beschreibung, ständig zu erweiternde Querbezüge und Kommentare enthält.
Die zweite Phase ist die Untersuchung der Gegenstände, insbesondere deren Oberfläche. Mit einem Mikroskop werden die Oberflächen einiger exemplarisch ausgewählter Gegenstände fotografiert. Insbesondere werden die Punkte in Augenschein genommen, an denen sich Muscheln oder andere Ablagerungen auf der “Haut” der Dinge andocken. Mit Hilfe von Röntgenaufnahmen lassen sich die Verkrustungen optisch leichter von der eigentlichen Kontur der Objekte trennen.
In einer dritten Phase treten alle Objekte in Beziehung miteinander und erscheinen gleichzeitig auf einer Fläche, einer Art Feld. Ein Fotogramm dient als Abbild des Gegenstandes; es hat den Charakter des Schattens und ist gleichzeitig sein durch Licht provozierter Abdruck. Die Abbilder dienen als “Spielfiguren” auf einem großen Spielfeld. Die Objekte bauen Beziehungen untereinander auf und bilden Gruppen. Dieses Geflecht ist ständig in Veränderung begriffen, weitet sich aus und wird komplexer. Einzelne Gegenstände können mehrmals erscheinen und in verschiedene Richtungen weisen. Geschichten greifen Raum, die Objekte sind dabei die Akteure und erhalten innerhalb des Planspiels eine neue Funktion, nachdem sie die Kontexte ihrer Vergangenheit abgelegt haben.









2008
Serie aus 15 Zeichnungen mit Zitronensaft auf Papier, 30×40 cm,
kombiniert mit s/w-Inkjetprints auf Papier, 30×20 cm
Anhand von Luftaufnahmen habe ich Orte in der Peripherie von Warschau aufgesucht und blind, d.h. mit Zitronensaft auf Papier gezeichnet. Die Zeichnung wird erst im Nachhinein durch erhitzen, z.B. mit einem Bügeleisen, auf dem Blatt sichtbar.






Nest 2010
Treibholz vom Weststrand bei Ahrenshoop (Ostsee), Größe variabel
Schlosspark Baruth/Mark
Sie errichten ihre Bauten in den Sommermonaten in sicherem Abstand leicht erhöht von der Wasserkante. Hierzu sammeln sie Treibholz und Steine, die sie, gestützt durch lange in den Boden gerammte Äste dicht aufschichten. Die Konstruktionen haben oft einen annähernd rechtwinkeligen Grundriss. Hier halten sich die Urlauber tagsüber bei fast jeder Wetterlage auf, mehr oder weniger nackt, von Wind und Sonne braun gegerbt. Eine Fahne, am höchsten Ast gehisst, macht die Anwesenheit von weit her sichtbar. Sie kennzeichnen ihren Besitz mit eingeritzten Holztäfelchen, die Namen und Aufenthaltszeitraum anzeigen. Am Ende der Saison verlassen sie ihren Horst. Die Urlauber bleiben ihren sommerlichen Nestern über lange Zeit hinweg treu. Im Jahr darauf errichten sie auf den Ruinen ihrer durch Winterstürme und Hochwasser verwüsteten und halb vom Sand verwehten Bauten ihre Horste von Neuem.
Eines der Nester wird am Strand abgebaut, zerlegt in Einzelteile durch den Wald zu Fuß abtransportiert und im Schlosspark Baruth wieder aufgebaut.
oben und rechts: Nest, Recherchebilder, Weststrand Ahrenshoop
Nes
Videorückprojektion, Loop 15 Min., Größe variabel
Installationstext in Zusammenarbeit mit dem Schriftsteller Michael Stauffer
Textauszüge: (…) SYMBOLE KENNE ICH NICHT GENAU.
DIE ORCHIDEE BEDEUTET GROSSE FREUNDSCHAFT.
DER SCHMETTERLING BEDEUTET
ICH WÜNSCHE DIR EIN LANGES LEBEN.
ROTE FISCHE BEDEUTEN GROSSE ANERKENNUNG.
MIR GEFALLEN PUPPENHAFTE DAMEN
REICHTUM UND VORNEHMHEIT.
KANNST DU MIR WASSER HOLEN?
ICH GEHE SELBER.
ES RIECHT NACH ZIMT.




